Mein erster Eindruck von Cartagena ist nicht gerade gut. Vielleicht weil wir nachts und völlig übermüdet ankommen. Bestimmt hat es mit meiner semi-guten Laune nach der 5 stündigen, qualvollen Fahrt, in einem auf 10 Grad heruntergekühlten Bus zu tun. Aber auch damit, dass wir erst mal nur besoffene Touristen sehen und lautes Gedränge wahrnehmen. Deshalb bin ich auch sehr glücklich, dass wir direkt am nächsten Morgen flüchten werden und auf der nahe gelegenen Insel entspannen würden.

Am darauffolgenden Tag beobachte ich im Speedboot sitzend meine Umgebung. Es sieht alles so anders aus. Anders als das, was ich bisher von Kolumbien gesehen habe. Allein die gewaltigen Festungsmauern, die den Altstadtkern umgeben, sind beeindruckend und stellen eine architektonische Besonderheit dar. Ein großes Piratenschiff, das einige Meter von uns entfernt im Hafen liegt, erinnert an die Umsegelung der Spanier ab etwa 1500. An die Zeiten von Plünderungen und blutigen Eroberungen. Einst bildete Cartagena de Indias zusammen mit San Juan de Puerto Rico und La Habana die wichtigsten Häfen der neuen Welt. Heute ist sie die größte und besterhaltenste Festungsanlage auf dem südamerikanischen Kontinent und seit 1984, in die Liste des UNESCO-Kulturerbes eingetragen. Und während unser Amigo den Motor startet, realisiere ich, wie sich der negative, erste Eindruck bezüglich des Juwels der kolumbianischen Städte wandelt.

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Isla Baru

Wir lassen die hohen Gebäude, welche die Skyline Cartagenas einnehmen, hinter uns und schießen mit unserem Boot über das Gewässer. Vorbei an blühenden Bäumen, luxuriösen Ressorts und einsamen Hütten erreichen wir nach ca. einer Stunde das Hostel Media Luna. Es liegt direkt am Strand und ist von den umliegenden Orten durch Dickicht und Pflanzen abgetrennt. Das Hotel, welches einen Strand weiter gelegen ist, stört somit nur auf den ersten Blick. Ich springe aus dem Boot und lande im erfrischend-kühlend Meer.

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Sofia, eine junge Mitarbeiterin steuert über den kleinen Strand direkt auf uns zu und begrüßt uns herzlich. Sie wird uns unser gemütliches Zimmer zeigen, das sich in einer großen, modernen Hütte befindet. Zuerst führt sie uns jedoch zum offenen Restaurant. Im vorderen Bereich befindet sich eine riesige Couch, die einen super Blick auf das Meer offenbart. Nach einer kurzen Erklärung über das gemeinsame Zusammenleben auf der Insel, lässt sie uns erst einmal ankommen. Wir beschließen an einen zum Baden besser geeigneten und ruhigeren Strand weiterzuziehen. Dafür nutzen wir die Kanus, die das Hostel bereitstellt, wobei Du den kurzen Weg natürlich auch zu Fuß zurücklegen kannst. Generell ist das Hostel Media Luna ein entspannter Ort und perfekt, um ein paar Tage abzuschalten. Die Aktivitäten an diesem Örtchen beschränken sich auf Nichtstun und relaxen. Dies kannst Du am Strand, in Hängematten oder auf der Couch voll und ganz ausleben.

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Meine Tipps für Deine Reise
  • Mitzunehmen sind: ein gutes Buch, eine Taucherbrille und Schnorchel, Taschenlampe und Karten
  • In diesem Hostel gibt es kein Internet. Beim nahe gelegenen Hotel triffst Du jedoch auf freien Internetzugang abends gibt es für ein paar Stunden Elektrizität
  • In 10- minütiger Entfernung (mit dem Boot) liegt ein Dorf. Abgesehen davon hast Du keine Möglichkeit, Lebensmittel oder andere Dinge zu kaufen. Im Hostel kannst Du zwar Bier, Wasser (teuer), Snacks etc. kaufen und auch 3 Mal am Tag essen, dies ist jedoch etwas teurer und kein kulinarisches Hocherlebnis. Wenn Du also Früchte, Alkohol, Zigaretten usw. konsumieren möchtest, solltest Du dies auf die Insel mitbringen.
  • Die Hin- und Rückfahrt (Auto/Boot) kostet 50.000 kolumbianische Pesos, wobei Du die Fahrtzeiten vorher klären solltest (je 1 Mal am Tag Hin-/und Rückfahrt).
  • In Cartagena findest Du ein weiteres Media Luna Hostel. Dies dient als guter Anlaufpunkt bei Fragen zum Tochter Hostel auf der Insel.

 

 

Cartagena de Indias

Mein negativer, erster Eindruck über die Hauptstadt des Departments de Bolívar ändert sich in kürzester Zeit. Und zwar um 180 Grad. Schon während der Rückfahrt nach Cartagena bröckelt die Impression eines Ortes, der neben den Scharen an halb nackten, betrunkenen Touristen nicht viel zu bieten hat. Es liegt an der paradiesischen Natur, an dem Weg, der durch das Meer, über den Strand und an kleinen Dörfern vorbei, zurück in die Stadt führt. Dort angekommen sind es die offenen Kolumbianer, die mit Freunden und Nachbarn vor ihren Häusern sitzen und neugierig das Geschehen beobachten, die Sympathien in mir auslösen. Abends schlendern wir durch den, im Stile der Kolonialzeit, neu restaurierten Altstadtkern. Die niedlichen Cafés, die romantischen Gassen und koloniale Paläste, fügen dem negativen Bild weitere tiefe Risse zu. Doch spätestens als wir am Plaza de la Trinidad ankommen zerbricht es.

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Es ist warm und ich spüre eine angenehme Brise auf der Haut. Ich sehe eine immense Vielfalt an Menschen, die alle beisammen sind und den schönen Abend genießen. Zwischen Kolumbianern tummeln sich junge und ältere Reisende auf den Stufen der Kirche. Sie bewundern die heißen Bewegungen der Zumba-Trainer, während sich eine riesige Gruppe vor ihnen versammelt und am Kurs teilnimmt. Pärchen und ältere Herrschaften genießen die leckere Pizza beim Italiener. Kreative Hippies verkaufen selbst gemachten Schmuck, Traumfänger und Armbänder. Kinder laufen über den Platz und spielen verstecken. Eine Gruppe von Artisten übt das Jonglieren und wird von Mojito schlürfenden Bewunderern beobachtet. Die Stimmung ist super entspannt und ausgelassen.

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Und plötzlich höre ich einige Meter entfernt einen Kolumbianer schreien. Ich zucke zusammen. Schnell bildet sich ein riesiger Kreis. Menschen strömen herbei. Laute Musik ertönt und 5 Männer beginnen zu breakdancen – mitten auf der Straße. Zuerst zusammen und dann jeder für sich. Sie führen waghalsige Einlagen vor und das Publikum ist begeistert, sodass die hupenden Taxis ignoriert werden. Genauso wie die Polizisten, die um eine Auflösung der Menschenmenge bitten. Die Kolumbianer steigern sich immer weiter und bringen die Menschenschar zum grölen und klatschen. Und dann ist die Musik aus. Das Schauspiel vorbei. Die Menschenmenge löst sich auf. Doch eins ist klar: Die Stadt hat mich für sich gewonnen.

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Schnell und irgendwie ohne groß darüber zu reden, ändern wir also unsere Pläne und bleiben ein paar Tage länger. Denn Cartagena, das Juwel der kolumbianischen Städte, hat einiges zu bieten und nicht nur sie, sondern auch seine Bewohner überraschen mich immer wieder aufs Neue.
Um die Stadt kennenzulernen, solltest Du einfach darauf loslaufen und Dich genau umsehen. Denn einzigartige Graffitis, kleine Cafés und alternative Läden werden von vielen Touristen, die durch das Zentrum und vor allem durch die Altstadt strömen, verdeckt. Neben diesen Orten stellt auch das Castillo de San Felipe de Bajaras eine große Touristenattraktion dar.
Um ein weing zu entspannen, empfehle ich Dir einen kleinen Spaziergang durch den zentral gelegenen Parque del Centenario. Dort kannst Du nämlich Faultiere, kleine Affen und riesige Leguane in freier Wildbahn beobachten. Auch ist die Fahrt zu einem der umliegenden Strände empfehlenswert, da der Strand Cartagenas sehr überlaufen ist. Das Nachtleben ist hingegen einmalig. Schnell passiert es, dass Du Dich morgens, auf der Altstadtmauer tanzend, von fremden Amigos umgeben, den Sonnenaufgang betrachtend, wiederfindest.

 

Meine Tipps für Deine Reise
  • genieße abends einen Cocktail auf einem plaza. Mit ein bisschen Geduld wirst Du bestimmt eine super Aufführung (Tanzeinlage etc.) sehen
  • Clubs: Ciudad móvil (offener Elektroclub), Fragma (Elektro und Salsa/ Reggaeton).

 

 

Kurzer Ausflug in die Geschichte des Landes

Die Vielfalt Kolumbiens macht sich nicht nur in der Natur, sondern ebenso in der Bevölkerung bemerkbar. Neben Angehörigen indigener Stämme triffst Du ebenfalls auf Nachkommen von Afroamerikanern, Libanesen und Europäern, was auf die unterschiedlichsten Besiedlungen Kolumbiens zurückzuführen ist. Archäologen geben an, dass vor 5000 Jahren die ersten Gruppen, die unter anderem den Kulturen der San Augustín und Tairona zuzuordnen sind, das Land beherbergten. Sie waren Jäger, Sammler oder Siedler und lebten vor allem in den Hochebenen. Die Hochkultur der Chibcha entwickelte sich um das Jahr 600 n. Chr. Sie übten ihre besonderen Fähigkeiten als Handwerker, Weber, etc. aus. Daneben erbauten sie prächtige Tempelanlagen, wie die präkolumbische Stadt „Ciudad Perdida“. Dieses Volk wurde, wie viele andere, mit der spanischen Besiedlung ausgelöscht. Ca. 1500 umsegelten die Spanier Kolumbien. Doch erst 1525 folgte die Gründung der ersten spanischen Siedlung: das heutige Santa Marta. Nach weiteren blutigen Schlachten wurden die Städte Cartagena de Indias (1533) und Santa Fé de Bogotá (1538) gegründet.

Um die Goldproduktion und den Kaffeeanbau zu unterstützen, wurden ab dem 17. Jahrhundert Afroamerikaner als Sklaven nach Südamerika geholt. Großräumig wurden diese jedoch ab 1850 durch Tagelöhner ersetzt. Da die ehemaligen Sklaven jedoch in Kolumbien blieben, ist ihr Einfluss in der heutigen Kultur und Bevölkerungsstruktur deutlich erkennbar.

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Neun Jahre kämpften die Einwohner Kolumbiens um ihre Unabhängigkeit, bevor ihnen 1819 der Freiheitsschlag gegen die Spanier gelingt. Kolumbien verlor sich jedoch. Es folgte ein Jahrhundert voller Kriege, Abspaltungen, Instabilität sowie Regierungs- und Namenswechsel. Dies sollte in den folgenden Jahren des 20. Jahrhunderts jedoch ein Ende nehmen. Durch den hohen Export von Kaffee lebte die Wirtschaft wieder auf, sodass sich auch die sozialen Strukturen verbesserten. Diese blühenden Jahre hielten aber nicht lange an. 1948 entluden sich die unterschwelligen Spannungen beim Aufstand „Bogotazo“. Es folgte der Bürgerkrieg „La Violencia“, Kämpfe von Guerilla-Gruppen gegen die Politik und die Formierung paramilitärischer Verbände. In den Jahren von 2002-2010 kämpfte der kolumbianische Präsident Álvaro Uribe Vélez gegen die Guerilla. Dabei setzte er einen volksnahen Führungsstil ein. Die Stabilität und Sicherheit wurde stark verbessert.

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Für mich stellt Kolumbien ein relativ sicheres Land dar. Ich war in keiner Situation, in der ich mich unbehaglich fühlte, Angst oder Schwierigkeiten hatte. Im Gegenteil. In diesem lateinamerikanischen Land voller Vielfalt und Herzlichkeit fühlte ich mich sehr wohl und heimisch. Voraussetzung dafür ist natürlich das Einhalten gewisser Regeln und eine gute Anpassung an das Land.

 

 

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Autor

Reisejunkie, Autor, Solopreneur. Mag es, ungewöhnliche Orte zu entdecken und nach seinen eigenen Regeln zu leben.

1 Kommentar

  1. Toll, danke für diesen Artikel! Er bestärkt uns in unserer Überlegung, unsere Reise in Medellín beginnen und in Cartagena enden zu lassen (seltsamerweise bieten sich derartige Gabelflüge für uns an). 🙂

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