Wir schreiben das Jahr 2014. Wien.

Ein deutscher Tourist, bewaffnet mit einer imposanten Spiegelreflexkamera von Canon, schleicht durch die verwinkelten Durchgänge des Museumsquartiers.

Unaufhörlich rattert der Auslöser seiner Spiegelreflexkamera. Nichts bleibt verschont. Sobald ein neues Motiv ins Bild kommt, wird gnadenlos losgeschossen.

Nicht weit davon entfernt schlendert eine siebenköpfige Gruppe herum. Um den Hals hat jeder aus dieser Truppe einen unhandlichen Kasten hängen.

Inmitten dieser Gruppe spaziere ich. Der Kasten um meinen Hals ist eine Polaroidkamera. Also eine Sofortbildkamera die besonders in den 70-80ern sehr beliebt war – Lange vor der digitalen Bilderflut.

„Habt ihr diese Dinger aus einem Antiquitätengeschäft geklaut?“ Fragt der deutsche Tourist während er hastig unsere Retro-Ausrüstung ablichtet.

Knapp daneben! Ich nehme an einem Polawalk teil. Das ist eine Fototour mit Polaroid-Sofortbildkameras. Ins Leben gerufen wurde diese Retro-Tour von den beiden Wienern Tomas Preyer und Gilbert Lechner.

Die beiden Jungunternehmer bieten 2 Fototouren mit Polaroidkameras durch Wien an: Die erste Tour richtet sich eher an Touristen und führt zu den bekannten Sehenswürdigkeiten der Inneren Stadt. Ich nehme an der zweiten Tour teil. Diese Contemporary-Vienna-Tour zielt eher auf Wienkenner und Einheimische ab und bietet den Teilnehmern eine gesunde Mischung aus klassischen und hippen Wien-Motiven.

Die Tour führt vom Treffpunkt bei der Karlskirche, über den Wiener Naschmarkt, ins Museumsquartier und von dort auf den Spittelberg. Danach geht es nach einer kurzen U-Bahn-Fahrt zum Karmelitermarkt, weiter zum bäuerlichen Augartenspitz und zum Abschluss zu den Graffitis beim Donaukanal.

Mit meiner Spiegelreflex-Kamera würde ich im Laufe dieser Tour mehrere hundert Fotos machen, doch heute ist alles anders, denn meine Polaroid-Kamera fasst nur einen Film mit 8 Fotos. Zwar könnte ich auch während der Tour Filme für die Kamera nachkaufen, doch diese sind mit 20 EUR teurer als eine 80 GB Speicherkarte. Jedes Abdrücken kostet ca. 2,5 EUR – also fast so viel wie ein „kleiner Brauner“ in einem Wiener Kaffeehaus.

Kein Wunder, dass es eine lange Zeit dauert, bis der erste den Mut hat, ein Foto zu schießen. Erst nach einer halben Stunde beim Semperdepot ist es soweit: Nach mehrmaliger Aufforderung unseres aufmerksamen Guides Gilbert werden die ersten Aufnahmen gewagt. Ansehen können wir uns die Ergebnisse aber noch nicht. Erst müssen sich die Foto mehrere Minuten im Dunklen entwickeln.

Jedes Polaroid-Foto sieht etwas anders aus. Das Endergebnis ist von den Lichtverhältnissen, der Temperatur und der Entwicklungszeit abhängig. Das macht auch den Reiz der Polaroid-Fotos aus. Nicht umsonst versucht das Fotonetzwerk Instagram den Polaroid-Flair mit Filtern nachahmen. Doch den Reiz der Knappheit kann man nicht so einfach kopieren: Während der Tour schieße ich ungefähr 20 Handyfotos, die meisten davon lösche ich schon am nächsten Tag – doch von meiner Polaroid-Bilder wird jedes einzelne sorgsam durchdacht.

Das hat einen sehr positiven Effekt: Bei der Suche nach dem perfekten Foto ergeben sich Motive, an die ich vorher niemals gedacht hätte. Mein Auge wird im Laufe der drei Stunden langen Tour präziser und nimmt die Umgebung immer deutlicher wahr.

Knapp vorm Ende der Tour am Donaukanal befinden sich noch immer 3 Fotos in meiner Kamera. Niemals hätte ich gedacht, dass ich mit meinem Film mehrere Stunden durchkomme.

Schlussendlich verschieße ich aber auch die restlichen 3 Bilder. Bei der Nachbesprechung im PolaWalk-Büro betrachtet unsere Foto-Truppe schließlich zufrieden die fertig entwickelten Werke. Wien sieht auf unsern Bildern leicht verstaubt und oft etwas rötlich aus, ein wenig wie aus einem Fotoalbum aus den 70er Jahren. Polaroidfotos wie man sie sich eben vorstellt.

Die Bildqualität der Polaroid-Bilde ist natürlich nicht mit der Qualität heutiger Smartphone-Kameras vergleichbar. Aber da jedes Polaroid-Foto etwas Einzigartiges ist, baut man eine Art emotionales Verhältnis zu den Aufnahmen auf. Auch wenn ich privat nicht mit Polaroid fotografieren würde, die 8 Fotos vom Polawalk werde ich mir sicher zu Hause aufhängen.

Fazit

Polaroidaufnahmen sind eine nette Abwechslung zur Digitalfotografie. Die Tour hat etwas von Entschleunigung und Simplifizierung. Klasse statt Masse ist das Motto bei der Motivsuche. Anstatt blind draufloszuschießen und zu hoffen, dass am Ende des Tages irgendein gutes Foto übrig bleibt, ist man beim PolaWalk gezwungen, den Finger vom Abzug zu geben, die Umgebung genau zu beobachten und abzuwägen, welches Motiv man wirklich haben will.

Jedes Foto ist etwas besonderes, etwas einzigartiges und das macht den Reiz dieser Tour aus. Ich kann sie daher jedem Fotofreund empfehlen!

Mehr Informationen über die Polawalks findest du hier: www.polawalk.com

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Autor

Reisejunkie, Autor, Solopreneur. Mag es, ungewöhnliche Orte zu entdecken und nach seinen eigenen Regeln zu leben.

2 Kommentare

  1. Hej,
    eine wirklich tolle Idee sich nur auf DAS Motiv zu konzentrieren. Sollte man sich vielleicht auch mal mit der Spiegelrefkex vornehmen. Ich finde die Fotos sehr gelungen.
    Grüße Heike

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