Hast du schon einmal ein tolles Portrait fotografiert? Viele Leute haben großen Respekt vor der Portraitfotografie (auch Porträtfotografie) oder generell davor, Menschen zu fotografieren. Oft werden gute Portraits auch mit komplizierten Studio-Settings, teurem Equipment und Blitz assoziiert. Keine Frage, mit einem Blitz lassen sich extrem coole Effekte erreichen, da du dir das Licht so gestalten kannst, wie du es brauchst. Aber du kannst auch mit wenigen, günstigen Hilfsmitteln und schönem, natürlichen Licht großartige Aufnahmen zaubern. 

Du denkst Portraitfotografie ist nur etwas für Berufsfotografen? Dein Equipment ist nicht professionell genug und außerdem hast du zu wenig Erfahrung, um Menschen ansprechend in Szene zu setzen? Alles Blödsinn! Mit etwas Übung und dem richtigen Einsatz deiner (vorhandenen) Kameraausrüstung fotografierst auch du bald coole Portraits, die sich von der Masse der Smartphone-Schnappschüsse abheben.

Wie das geht zeige ich dir mit meinen Profi-Tipps für tolle, natürliche Portraitfotos. So hast du in Zukunft keine Ausreden mehr, wenn dich deine Freunde nach schönen Fotos fragen!

6 Profi-Tipps zum Fotografieren von natürlichen Portraits

Was ist überhaupt ein Portraitfoto?

Wer an Portraits (auch geschrieben “Porträt”) denkt, hat oft ein klassisches Portrait wie bei Bewerbungsfotos im Sinn. Meist denke wir dabei an ein Foto mit einem relativ engen Bildausschnitt, vom Kopf bis etwa zur Hälfte des Oberkörpers, fotografiert in einem Studio. Doch Portraitfotografie umfasst viel mehr, als das Ablichten einer Person zu Bewerbungszwecken oder für offizielle Dokumente. Auch Familienfotos, Imagefotos für Unternehmen und Künstler oder das in Szene setzen von interessanten Gesichtern im Rahmen einer Reise zählen zur Portraitfotografie. 

Eine großartige Portraitaufnahme soll Geschichten erzählen, die Person stimmungsvoll  abbilden und ihren individuellen Charakter herausarbeiten. Umso wichtiger ist es, dass du als Fotograf ein ehrliches Interesse an deinem Model zeigst, um so alle Facetten der Persönlichkeit in deinem Bild auszudrücken. 

In Verbindung mit dem richtigen Licht und der passenden Location legst du damit den Grundstein für ein gutes Portraitfoto. Womit ich schon bei meinen bewährten Portraitfotografie Tipps für dich bin:

#1 Location & Hintergrund in der Portraitfotografie

Als erstes solltest du dir überlegen, wo du deine Portraits fotografieren möchtest. Ein tolles Portrait muss nicht zwingend im Studio fotografiert werden. Du kannst deine Portraitaufnahmen also auch in der Natur, im urbanen Umfeld oder im Büro fotografieren. Viele Leute fühlen sich draußen auch deutlich wohler als in einer Studio- Umgebung, was es leichter macht, natürliche und unverkrampfte Fotos zu erhalten. Das Wichtigste ist, dass die Location zum Thema des Shootings passt! 

Einen Manager wirst du eher nicht vor einer Graffiti-Wall fotografieren und das Foto für die nächste Bewerbung nicht unbedingt im Wald aufnehmen. 

Für ein gelungenes Portraitfoto ist auch der Hintergrund sehr wichtig. Während du im Studio mit neutralen Hintergründen arbeiten oder dir eine weiße Wand “zurechtblitzen” kannst, musst du draußen aktiv nach einer geeigneten Location suchen. Bei Portraits besonders wichtig ist, dass es keine störenden Element im Hintergrund gibt. Es gibt nichts Schlimmeres als irgendwelche Lichtmasten, die aus dem Kopf deines Models wachsen. 

Welcher Hintergrund bzw. welcher Ort für deine Portraitaufnahmen passend sind, hängt aber auch vom Wunsch deines Models bzw. vom Thema deines Shootings ab. Möchtest du eine Freundin möglichst natürlich draußen ablichten? Dann suche dir eine Blumenwiese oder einen schönen Park. Möchtest du lieber coole Streetstyle Fotos machen? Dann ist vielleicht ein Hipster- Viertel mit bunten Graffitis besser geeignet. An dieser Location solltest du allerdings nicht unbedingt Bewerbungsfotos aufnehmen.

Es kann sich auch auszahlen, vor einem Shooting deine Stadt oder deinen Heimatort zu scouten und geeignete Locations für spannende Portraitfotografie zu suchen.

#2 Das richtige Licht für gelungene Portraitbilder

Sobald du deine Location gefunden hast, solltest du dir Gedanken über den Lichteinfall vor Ort machen. Wie bei den meisten Motiven ist auch bei Portraits das Licht ein entscheidender Faktor und daher ist der bewusste Umgang mit Licht mein wichtigster Portraitfotografie Tipp. 

Hartes Mittagslicht solltest du in der Portraitfotografie vermeiden, denn es sorgt für unschöne Schatten im Gesicht. Bewusst eingesetzt kann hartes Licht für coole Effekte sorgen, doch Anfänger sollten diese schwierige Lichtsituation beim Portrait Fotografieren eher vermeiden. 

Am besten fotografierst du deine ersten Portraits am späten Nachmittag in der der so genannten “Goldenen Stunde”. Dieses flache Licht ist angenehm warm und weich und leuchtet dein Motiv gut aus.

Achte auch auf den Lichteinfall und probiere verschiedene Perspektiven aus. Das einfachste Licht ist Frontlicht, wenn du als Fotograf die Sonne hinter dir hast und dein Model direkt in die Sonne blickt. So ist das Gesicht schön ausgeleuchtet, allerdings besteht dabei auch die Gefahr, dass die fotografierte Person die Augen zusammenkneift. 

Seitenlicht sorgt für plastische Konturen, modelliert die Formen und wirkt spannender als Frontlicht. Um diesen Effekt zu erreichen kannst du bei einem Indoor-Portrait dein Model beispielsweise neben ein Fenster stellen. Möglicherweise musst du dabei die dem Fenster abgewandte Seite mit einem Reflektor aufhellen. Dazu später mehr!

Tipp: Keine Angst vor Gegenlicht in der Portraitfotografie

Traue dich (bei flachem Nachmittagslicht!) ruhig auch einmal ins Gegenlicht zu fotografieren. So entstehen stimmungsvolle Fotos mit schön beleuchteten Konturen, allerdings bringt der hohe Dynamikumfang der Szene die meisten Kameras an ihre Grenzen. Das heißt, wenn das Gesicht richtig belichtet ist, ist der Hintergrund zu hell. Abhilfe schaffen ein enger Bildausschnitt, so dass der ausgefressene Hintergrund nicht stört, oder ein Reflektor, um das einfallende Sonnenlicht zu reflektieren und das Gesicht deines Models so aufzuhellen. Alternativ lassen sich RAW-Dateien auch in der Bildbearbeitung bis zu einem gewissen Grad verlustfrei aufhellen!

Portrait Fotografie Tipps Vergleich Nachbearbeitung
Links siehst du, wie das Bild vor der Bearbeitung in Adobe Lightroom ausgesehen hat!

Wenn es dein Terminplan nicht anders zulässt und du in der Mittagssonne Portraits fotografieren musst, dann suche aktiv nach dem Schatten eines Baumes oder Gebäudes. Auch an bewölkten Tagen spricht nichts gegen die Portraitfotografie, denn die Wolkendecke wirkt wie ein großer Diffusor und leuchtet dein Motiv regelmäßig aus.

#3 Portraitfotografie Tipps: Die richtige Ausrüstung 

Wenn du einen passenden Aufnahmeort gefunden hast, geht es um die Kameraausrüstung. Wie bereits erwähnt, professionelle Portraits werden sehr oft mit teurem Equipment, komplizierten Blitzeinstellungen und Belichtung assoziiert. Ich werde dir aber im Rahmen dieses Artikels zeigen, dass das gar nicht notwendig ist.

Die beste Kamera für tolle Portraitfotos

Die beste Kamera ist die, die du dabei hast. Das gilt nicht nur für die Reisefotografie, sondern auch für das Fotografieren von Menschen. Dank leistungsstarker Prozessoren und künstlicher Intelligenz kannst du mittlerweile sogar mit deinem Smartphone ansprechende Fotos machen. Idealerweise nutzt du in der Portraitfotografie aber eine Kamera mit Wechselobjektiv, sprich eine Spiegelreflex- (DSLR) oder Systemkamera (DSLM). Theoretisch kannst du auch mit einer Kompakt- oder Bridgekamera fotografieren, diese haben aber den Nachteil, dass du das Objektiv nicht wechseln kannst. Und das Objektiv ist für ein tolles Foto noch einmal wichtiger als die Kamera selbst!

Lesetipp
Wenn du gerade überlegst eine neue Kamera zu kaufen und eine Entscheidungshilfe brauchst, dann lies dir unbedingt auch meine große Kamera-Kaufberatung durch!

Welches Objektiv empfiehlt sich für die Portraitfotografie?

Wie bereits erwähnt ist die Wahl des richtigen Objektivs für Portraitfotos noch einmal entscheidender als der Kamerabody. Dabei geht es nicht nur um die Entscheidung zwischen Zoomobjektiv und Festbrennweite, sondern ganz besonders auch um die Wirkung der Brennweite

Im Endeffekt brauchst du zu Beginn kein spezielles Objektiv, deine Kit-Linse reicht vollkommen aus, um gute Bilder zu machen. Wichtig ist nur, dass du dir der Wirkung unterschiedlicher Brennweiten bewusst bist und verstehst, welchen Einfluss die Lichtstärke auf dein Foto hat. 

Weitwinkelige Objektive verzerren nämlich sehr stark, was bei Portraits nicht unbedingt erwünscht ist. Die besten Ergebnisse erzielst du in der Portraitfotografie mit einer Brennweite im leichten Telebereich, ab etwa 50 mm auf Vollformat. Klassische Portraitlinsen haben meistens 85 oder 105 mm Brennweite, da damit die Proportionen naturgetreu abgebildet und Gesichter nicht verzerrt werden. Traue dich daher ruhig, Portraits auch mit deinem Teleobjektiv bzw. im Telebereich deines Kit- Objektivs zu fotografieren!

Ein weiterer Vorteil langer Brennweiten ist, dass sie die Unschärfe im Hintergrund, die auch als Bokeh bezeichnet wird, verstärken. Ein weiterer Faktor, der das Bokeh beeinflusst ist eine große Blendenöffnung, sprich eine kleine Blendenzahl. Solche Objektive werden auch als sehr lichtstark bezeichnet. 

Lichtstarke Teleobjektive sind sehr teuer, daher empfehle ich für den Beginn eine Festbrennweite von etwa 50 mm. Diese sind, in Verbindung mit einer Lichtstärke von f/1,8 schon ziemlich günstig zu erwerben. 

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Lesetipp
Noch mehr Tipps für den Kauf eines geeigneten Objektivs findest du in meinem großen Objektiv Vergleich !

Profi-Tipp: Kauf dir einen Faltreflektor!

Portraitfotografie Tipps Reflektor
An diesem Beispiel siehst du die Wirkung eines Reflektors

Ein weiteres unverzichtbares Accessoires bei der Portraitfotografie ist ein Faltreflektor*. Dieses Teil ist sehr günstig online oder im Fotofachhandel erhältlich und hilft dir dabei, das Gesicht deines Models gleichmäßig auszuleuchten. Vor allem bei Gegenlichtaufnahmen ist ein Reflektor Gold wert, um das Motiv aufzuhellen. Damit es gut funktioniert und der Reflektor optimal ausgerichtet wird, ist ein Helfer nützlich. Bei sehr eng beschnittenen Portraits (Headshots) kann auch das Model selbst den Reflektor halten.

Ich selbst besitze einen 5 in 1 Faltreflektor*, der neben der klassisch weißen, silbernen und goldenen Seite auch über einen Diffusor und eine schwarze Seite verfügt. Falls du dich jetzt fragst, wie du die verschiedenen Seiten richtig einsetzt, hier eine kleine Einführung in die Portraitfotografie mit Reflektor:

Mit Hilfe der weißen Seite wird das reflektierte Licht sehr weich auf dein Model zurückgeworfen. Dies ist der leichteste und kleinste Effekt und bietet sich für den Einstieg an. Die goldene Fläche hingegen sorgt für warme Farben, während Silber das Licht kühler und härter zurückwirft. Den Diffusor kannst du nutzen, um das einfallende, harte Sonnenlicht abzuhalten und mit der schwarzen Fläche das Motiv abschatten. 

Portrait Fotografie Wirkung Reflektor
Hier halte ich selbst einen Reflektor

Probiere es einfach aus und teste die Wirkung des Reflektors bei deinem nächsten Portrait-Shooting. 

Tipp: Faltreflektoren kannst du online bei Amazon oder auch im deutschen Fachhandel, wie beispielsweise Calumet* oder Foto Koch, bestellen.

Aufsteckblitz & Lichtformer

Ein Blitz ist nicht unbedingt notwendig. Er kann dir die Arbeit zwar erleichtern, aber für den Einstieg reicht es vollkommen aus, sich die Vorzüge des natürlichen Lichts zunutze zu machen. Es ist aber wichtig, dass du auf die Lichtqualität achtest!

Wenn du dich in der Portraitfotografie weiterentwickeln möchtest, dann empfehle ich dir die Anschaffung eines Aufsteckblitzes sowie einer Fernbedienung und eines kleinen Lichtformers. Manche Kameras haben noch einen eingebauten Blitz, aber damit wirst du keine zufriedenstellenden Ergebnisse erzielen. 

Tipp: Kauf dir für den Aufsteckblitz eine Fernbedienung (Trigger), damit  du den Blitz unabhängig von der Kamera (“entfesselt”) auslösen kannst. So bist du in der Gestaltung des Lichts viel flexibler und auch deine Models werden es dir denken, denn niemand sieht attraktiv aus, wenn man ihm direkt ins Gesicht blitzt! (Daher solltest du auch den internen Blitz deiner Kamera nicht nutzen!)

Ich selbst nutze einen Godox V1* samt Zubehör-Kit* und Trigger*. Um den Blitz unabhängig von der Kamera nutzen zu können habe ich außerdem noch ein Lampenstativ* und eine spezielle Halterung* sowie eine kleine Softbox* als Lichtformer in Verwendung. 

Wichtiger Hinweis: Achte beim Kauf eines Aufsteckblitzes von einem Fremdhersteller, dass er mit deiner Kameramarke kompatibel ist. Den Godox V1 gibt es beispielsweise für Canon, Nikon, Sony und Fuji.

#4 Die besten Kameraeinstellungen in der Portraitfotografie

Wie so oft in der Fotografie gibt es auch bei Portraits kein Patentrezept für die Kameraeinstellungen. Wie bei vielen Fotosituationen hängt es davon ab, welches Ziel du mit deinem Foto verfolgst. Um die Einstellungen zu verstehen und die Werte optimal aufeinander abstimmen zu können, ist es wichtig, dass du dich mit den Grundlagen der Belichtung auseinandersetzt. Das Belichtungsdreieck zu verstehen ist immens wichtig, um die Kamera richtig einstellen zu können. 

Trotzdem möchte ich an dieser Stelle meine wichtigsten Tipps für die Kameraeinstellungen in der Portraitfotografie verraten. 

Die Blende

Portrait Fotografie Tipps unscharfer Hintergrund
Durch die offene Blende wird der Hintergrund unscharf und das Motiv hebt sich gut ab

Normalerweise sollte der Fokus auf der fotografierten Person liegen und diese sich gut vom unscharfen Hintergrund abheben. Das erreichst du, indem du mit einer offenen Blende (= geringe Tiefenschärfe) fotografierst. Ich nutze bei Portraits gerne den Modus A/AV, der mir Kontrolle über die Blende und damit die Tiefenschärfe im Bild gibt. 

Eine offene Blende bedeutet eine kleine Blendenzahl. Abhängig vom Objektiv reden wir von Werten zwischen f/1,4 und f/4. Bei vielen Kit-Objektiven liegt die kleinstmögliche Blendenzahl bei f/5,6. Nicht optimal, aber in Verbindung mit dem Zoom lassen sich damit immer noch zufriedenstellende Ergebnisse erzielen. Es gibt jedenfalls einen Grund, warum die meisten Portraitfotografen lichtstarke Festbrennweiten für ihre Arbeit bevorzugen!

Die Verschlusszeit

Portraitfotografie Tipps Verschlusszeit
Die Verschlusszeit sollte immer max. dem Kehrwert der Brennweite entsprechen. Bei bewegten Motiven entsprechend kürzer!

Im Modus A/AV, auch Blendenvorwahl oder Blendenpriorität genannt, stellt die Kamera die Verschlusszeit automatisch ein. Das erleichtert dir die Arbeit immens, denn du kannst dich als Fotograf auf die Bildgestaltung und die Kommunikation mit deinem Model konzentrieren. 

Allerdings solltest du beachten, dass die Verschlusszeit immer mindestens dem Kehrwert deiner Brennweite entspricht und du aus der Hand nicht länger als 1/60 Sekunden belichten solltest, um unscharfe Fotos zu vermeiden

Fotografierst du also mit einer Brennweite von 50 mm, dann sollte deine Verschlusszeit nicht länger als 1/60 Sekunden sein. Beträgt die Brennweite 100 mm, dann musst du mit mindestens 1/100 Sekunden belichten, um ein scharfes Ergebnis zu erhalten. 

Dank der Bildstabilisatoren moderner Kameras und Objektive lässt sich diese Regel immer weiter ausreizen, es schadet jedoch nicht, wenn du diese Werte im Hinterkopf behältst.  

Hinweis: Für Portraits in Bewegung (ohne Blitz) musst du noch kürzer belichten, abhängig von der Geschwindigkeit des Motivs!

Der ISO-Wert

Den ISO- Wert stellst du abhängig von der Lichtsituation vor Ort ein bzw. so hoch, dass die von der Kamera gewählte Verschlusszeit mindestens den Kehrwert deiner Brennweite bzw. max. 1/60 Sek bei Freihand-Fotografie beträgt.

Scheue dich nicht davor, auch mit höheren ISO-Werten zu fotografieren. Die meisten modernen Kameras verfügen über ein absolut zufriedenstellendes Rauschverhalten. Außerdem ist ein leichtes Rauschen im Bild immer noch besser als ein unscharfes Foto. Bildrauschen lässt sich in der Nachbearbeitung korrigieren, während verwackelte Fotos nicht mehr zu retten sind. 

Belichtungsmessung in der Portraitfotografie

Portraitfotografie Tipps Spotmessung
Bei diesem Bild wurde die Belichtung mit Spotmessung ermittelt, die leichte Überbelichtung im Hintergrund stört nicht

Ein weiterer wichtiger Tipp im Hinblick auf die Einstellungen in der Portraitfotografie bezieht sich auf die Belichtungsmessung. Damit bestimmst du, ob die Kamera die Belichtung im gesamten Sucherfeld (Matrix-Messung) oder nur einem kleinen Teil davon (Spotmessung) misst.

Besonders bei Gegenlichtaufnahmen macht es Sinn, die Spotmessung im Gesicht deines Motivs zu verwenden, damit die Kamera dieses korrekt belichtet. Die Belichtung des Hintergrunds ist bei Portraits ja eher vernachlässigbar, wichtig ist, dass die Haut korrekt belichtet und dargestellt wird.

#5 Portraitfotografie Tipps für Bildgestaltung & Posing

Wichtig bei Portraits sind auch die Bildgestaltung und die Perspektive, aus der das Portrait fotografiert wird. Dir muss vor allem bewusst sein, dass die Kameraposition einen großen Einfluss auf die Bildwirkung hat

Fotografierst du beispielsweise eher von unten herauf, dann wirkt dein Motiv erhaben und stark. Ganz im Gegenteil, wenn du von oben auf das Motiv herab fotografierst, dann wirkt es klein und unsicher. Und das möchtest du ja eher vermeiden, wenn ein selbstbewusstes Portrait das Ziel des Fotoshootings ist.

Die natürlichsten Portraits entstehen, wenn du die Person auf Augenhöhe fotografierst. Haustiere und Kinder sollte man überhaupt immer auf Augenhöhe fotografieren, um ein harmonisches Ergebnis zu erhalten. 

Das Model selbst sollte im Idealfall nach der Drittelregel und nicht mittig positioniert werden. Eine leicht schräge Körperhaltung wirkt meist vorteilhafter und auch auf die Hände bzw. Arme solltest du nicht vergessen. Viele Leute wissen, besonders wenn sie stehen, nämlich nicht, wohin mit ihren Händen und es sieht meist etwas verloren aus, wenn sie einfach seitlich herunter baumeln.

Das Problem kann man lösen, indem man das Model hinsetzt und es die Hände z.B. auf den Knien abstützen kann. Alternativ gibst du der Person etwas zum Halten oder forderst sie dazu auf, die Arme zu verschränken, die Hände in die Hosentaschen zu stecken oder an den Hüften abzustützen. An deiner Fotolocation gibt es ein Geländer? Cool, dann bitte dein Model, sich dagegen zu lehnen oder daran abzustützen!

Auch kleine Gesten, wie eine Handbewegung, können Wunder bewirken, sie bringen Dynamik ins Bild und lassen es weniger steif wirken.

#6 Bewusste Kommunikation ist der Schlüssel für ausdrucksstarke Portraits

Last, but not least, geht es in der Portraitfotografie immer um die Kommunikation und Interaktion mit einem Menschen. Selbst wenn du dich Technik im Schlaf beherrscht und mit fantastischem Licht gesegnet bist, passt die Chemie mit deinem Model nicht, wirst du kein ausdrucksstarkes Portraitfoto hinbekommen. 

Ein wichtiger Portraitfotografie Tipp von mir ist daher, dass du mit der Person, die vor deiner Kamera steht, redest und sie aktiv in den Ablauf des Shootings einbindest. Finde heraus, was sie mag, wie sie sich fühlt und in welchen Posen sie sich gefällt. 

Wichtig ist auch, dass du dir bewusst bist, dass das Model – außer es ist Profi – nicht wissen kann, was am Foto gut aussieht. Daher ist es wichtig, dass du mit der Person, die du fotografierst, kommunizierst. Scheue dich nicht, dem Model konkrete und klare Anweisungen zu geben: “Kinn hoch”, “Schultern zurück”, “zu mir drehen” etc. Dabei solltest du selbstverständlich immer freundlich bleiben und den zu fotografierenden Menschen respektvoll behandeln. 

Um die Stimmung aufzulockern und deinem Model ein natürliches Lächeln zu entlocken, kannst du auch kurze Witze erzählen oder die Person nach Dingen fragen, die sie mag. Lass sie beispielsweise von ihrem Traumurlaub oder ihrem Haustier erzählen. So entspannt sich der Gesichtsausdruck und das Lachen wirkt weniger gestellt.

Ganz wichtig ist, dass du während du mit deinem Model interagierst immer schussbereit bleibst, um im entscheidenden Moment abdrücken zu können. Oft entstehen die besten Bilder auch in Shooting-Pausen oder wenn die Person sich unbeobachtet fühlt. Daher ist es so wichtig, als Fotograf immer aufmerksam und fokussiert zu bleiben!

Weitere Profi-Tipps für tolle Portraitfotos

Richtig fokussieren

Bei Portraits ist es immens wichtig, dass zumindest ein Auge scharf ist. Bei angeschrägten Portraitfotos sollte es immer das dem Fotografen zugewandte Auge sein. Moderne Kameras haben mit dem Augenautofokus ein tolles Hilfsmittel, bei älteren Modellen legst du das Fokusfeld mit Hilfe der Pfeiltasten oder des Joysticks auf das Gesicht bzw. die Augen deines Models. Alternativ kannst du auch mit der “Focus & Recompose” Technik mit dem mittleren Fokuspunkt fokussieren und dann den Bildausschnitt wie gewünscht verschieben. 

Mein Tipp: Wenn du mit einem sehr lichtstarken Objektiv mit weit offener Blende und einer dementsprechend kleinen Schärfeebene fotografierst, kann es auch Sinn machen den AF- C (Servo) Autofokus zu verwenden, da schon die kleinste Bewegung deines Models oder der Kamera für Unschärfe sorgen könnte. Der kontinuierliche Autofokus führt die Schärfe nach und verhindert so, dass das Auge auf Grund einer kleinen Bewegung aus der Schärfeebene rutscht.

So gelingt der unscharfe Hintergrund bei Portraitfotos

Portrait Fotografie Tipps Tiefenschärfe
Durch die offene Blende und die lange Brennweite sind Vorder- und Hintergrund unscharf und leiten so den Blick aufs Motiv (120 mm | Blende 4 | 1/125 Sek | ISO 450)

Ein gutes Portraitfoto zeichnet sich normalerweise durch ein scharfes Motiv aus, dass sich gut von einem unscharfen Hintergrund abhebt. Du hast in diesem Beitrag bereits gelernt, dass eine offene Blende (kleine Blendenzahl) und eine längere Brennweite diesen Effekt verstärken. Es gibt aber noch einen weiteren entscheidenden Faktor, der darüber bestimmt, ob und wie unscharf der Hintergrund wird. 

Und zwar der Abstand von deinem Model zum Hintergrund und auch der Abstand von der Kamera zum Model. Wenn die Person, die du fotografierst, direkt vor einer Mauer oder einem blühenden Strauch steht, dann wird der Hintergrund auch bei einer Blendenzahl von 1,4 kaum unscharf. Platzierst du dein Model aber ein paar Meter vor der gewünschten Kulisse, dann entsteht plötzlich das in der Portraitfotografie so begehrte Bokeh. Ähnliches gilt für den Abstand zwischen Fotograf und Motiv. Je weiter weg du dich von deinem Model befindest, desto schwieriger wird es Unschärfe im Hintergrund zu erhalten. 

Eine gelungene Aufnahme mit perfektem Bokeh erhältst du also durch die Kombination einer möglichst offenen Blende (kleine Zahl), einer großen Brennweite (> 50 mm) und dem richtigen Abstand zwischen Motiv und Hintergrund sowie Fotograf und Motiv

Achte auf Glanz in den Augen für lebendige Bilder

Portrait Fotografie Tipps Glanz in den Augen
Glanz in den Augen lässt deine Bilder lebendig wirken

Man sagt, Augen sind die Fenster zur Seele. Umso wichtiger ist es, dass bei deinen Portraitfotos zumindest ein Auge scharf ist. Außerdem wirken deine Bilder deutlich lebendiger und ausdrucksstärker, wenn sich etwas Licht in den Augen deines Models spiegelt. Keine Sorge, um den begehrten Glanz in die Augen zu zaubern, musst du nicht in Photoshop schummeln. 

Dieses natürliche Strahlen erreichst du ganz einfach, indem die fotografierte Person in Richtung Licht blickt. Dabei kann es sich um direktes Licht handeln, das beispielsweise vom Himmel reflektiert wird, oder auch indirektes Licht, dass von einer hellen Fläche, wie einer weißen Wand, zurückgeworfen wird. Bei Gegenlichtportraits hilft dir ein Faltreflektor, um den gewünschten Glanz in den Augen zu erhalten. Alternativ kannst du natürlich auch blitzen. 

Das Prinzip funktioniert übrigens nicht nur bei Portraitfotos von Menschen, sondern auch in der Tierfotografie

Zusammenfassung meiner bewährten Portraitfotografie Tipps

Zum Abschluss möchte ich dir noch einmal meine wichtigsten Tipps und Tricks zum Thema Portraitfotografie überblicksmäßig zusammenfassen. 

  • achte auf die passende Location und die Kulisse
  • Licht macht den Unterschied! Fotografiere idealerweise im flachen Licht in der goldenen Stunde oder fotografiere die Person im Schatten.
  • verwende ein leichtes Tele (> 50 mm) für natürliche Ergebnisse und harmonische Proportionen
  • Blende öffnen für geringe Tiefenschärfe
  • nutze bei Gegenlichtaufnahmen einen Faltreflektor, um Licht in das Gesicht zu reflektieren.
  • das dem Betrachter zugewandte Auge muss scharf sein!
  • idealerweise hast du einen Helfer dabei
  • unterhalte dich mit deinem Model, um die Stimmung aufzulockern
  • scheue dich nicht davor Anweisungen zu geben
  • achte auf die Perspektive und eine natürliche Pose
  • ein schönes Bokeh entsteht durch die Kombination einer offenen Blende mit einer langen Brennweite und genug Abstand zum Hintergrund

Ich hoffe, dass ich dir mit meinen bewährten Portraitfotografie Tipps und Tricks weiterhelfen und dich inspirieren konnte, die Herausforderung Menschen zu fotografieren anzunehmen. Lass dich nicht einschüchtern und gehe ganz locker an dieses Thema heran. Bitte eine Freundin oder einen Freund für dich zu posen und erarbeitet gemeinsam ein cooles Shooting. Wenn ihr euch beide wohlfühlt, ist die Grundlage für tolle Bilder schon gelegt und ihr könnt ganz ungezwungen mit dem Fotografieren loslegen. 

Alternativ kannst du dich auch in Fotografie-Gruppen oder Foren nach TFP Models umsehen. TFP heißt “Time for Prints”. Dir entstehen also keine Kosten, sondern das Model erhält als Dankeschön für die Zeit die Fotos. Das ist eine gute Möglichkeit, um auch einmal mit erfahrenen Models zu arbeiten und dein Portfolio zu erweitern. 

Und falls du gerade erst begonnen hast zu fotografieren und noch mit der Bedienung deiner Kamera und ihren Einstellungen überfordert bist, dann schau dir meinen online Fotokurs an. Darin bringe ich dir Schritt für Schritt das Fotografieren und die Grundlagen der Bildbearbeitung bei, ganz einfach und ohne Technik Frust, aber mit viel Freude und Leidenschaft!

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Autor

Hat 1 Jahr in Mexiko gelebt, ist solo durch Neuseeland & Australien gereist und war im Overlander im südlichen Afrika unterwegs. Lisa liebt Abenteuer- und Aktivreisen, spannende Herausforderungen und ist dabei immer auf der Suche nach dem perfekten Fotomotiv. Dafür schleppt sie auch gerne ihre gesamte Kameraausrüstung auf einen Berg.

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